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Über die Geschichte der Deutschen in Russland (VI)

Teil I, II, III, IV, V, VI, VII

Deutsche Insel des Archipel Gulag

Diese sind nichts anderes als Gulag-Lager, wo für die Trud-Armisten körperliche Schwerstarbeit wie Holzfällen, Kohlebergbau oder Eisenbahnbau angesagt ist. Zusammen mit den desolaten Lebensbedingungen und der mangelhaften Ernährung kostete diese vielen Arbeitsarmisten die Gesundheit und oft auch das Leben.

Deutschstämmige Soldaten bleiben aus den regulären Einheiten der Roten Armee– und somit von Gefechten – ausgeschlossen. Stattdessen werden sie in sog. Bau-Bataillone und Arbeitskolonien eingeteilt. Fortan haben sie nur noch mit Schaufel statt mit Gewehr zu kämpfen. Unter den Trud-Armisten sind auch viele Frauen.

Anzahl Tote: unbekannt

Die Verbannung der Deutsch-Russen dauert auch nach dem Krieg an und wird 1948 gesetzlich auf Dauer festgeschrieben. Barackenartige Unterkünfte und menschenunwürdige Zustände bleiben.

Auch die kulturelle und schulische Russifizierung der Russlanddeutschen geht weiter. Jene, die bei Kriegsbeginn aufgrund früherer Umsiedlungen und Vertreibungen bereits in Westsibirien und Kasachstan leben, stehen unter lokaler Kommandantur, d.h. sie müssen sich in regelmäßigen Abständen bei den Behörden melden und dürfen ihre Wohnorte nicht verlassen. Von einer autonomen deutschen Republik an der Wolga wagt niemand mehr zu träumen.

Erst nach dem Staatsbesuch Konrad Adenauers 1955, der Entstalinisierung werden die Russlanddeutschen im Rahmen des Chruschtschowschen „Tauwetters“ amnestiert und 1956 aus den Sondersiedlungen entlassen.

In ihre ursprünglichen Wohngebiete dürfen sie allerdings nicht zurück. Stattdessen dürfen sie sich in wenigen Gebieten östlich des Urals, wo die sowjetische Schwer- und Rüstungsindustrie hin verlegt wurde, ansiedeln.

Die Frage, wie viele Russlanddeutsche letztlich in der Verbannung, in den Sondersiedlungen, auf dem Weg dorthin oder in der Arbeitsarmee umgekommen sind, ist bis heute nicht geklärt. Offiziell sind es 45.000 Tote, einschließlich „der auf natürlichem Wege Gestorbenen“. Diese Zahl wird von einigen Forschern jedoch als zu niedrig eingeschätzt. Manche Forscher gehen von etwa 700.000 Verstorbenen aus.

Folgen des Stalinismus

Die deutschstämmige Bevölkerung wurde in der UdSSR politisch wie rechtlich nie rehabilitiert. Erst 1964, bereits unter Staatschef Breschnew, lässt die sowjetische Führung offiziell den Vorwurf der „Kollaboration mit dem Feind“ gegen die ethnischen Deutsch-Russen fallen.

So hat sich der Status der Russlanddeutschen in der Sowjetunion binnen weniger Jahre Stalinismus von einer kulturell eigenständigen Volksgemeinschaft zur ethnisch entwurzelten Minderheit gewandelt.

Der Wunsch nach Anerkennung

In den 1960er- und 70er-Jahren bessert sich das Verhältnis zu den Russlanddeutschen innerhalb der Gesellschaft. Viele dürfen wieder Führungspositionen in der Industrie einnehmen, jedoch nicht wie einst in der Politik. Ein Parteibuch ist für eine Karriere in der Sowjetunion vorteilhaft.

Dennoch sind die „Nemzy“ - zu russisch „Deutsche“ - nach wie vor nicht vollständig akzeptiert. Viele träumen davon, in die Bundesrepublik auszureisen, was in den ersten zwanzig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg unmöglich war.

Dank Perestroika zurück in die alte Heimat Erst nachdem Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU wird und seine Reformen auch in humanitären Bereichen wirken, dürfen Russlanddeutsche offiziell ausreisen.

Als 1989 die Grenzen geöffnet werden, nimmt die Auswanderung aus der Sowjetunion lawinenartige Ausmaße an: zwischen 1990 und 2000 reisen jährlich jeweils über 100.000 Menschen als Aussiedler in die Bundesrepublik ein, 1993 bis 1995 sogar jeweils über 200.000.

Heute leben in der Bundesrepublik ca. 2,5 Millionen Bürger, die als Aussiedler, Spätaussiedler oder deren Angehörige aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind. Für viele von ihnen hat sich der Traum nach Akzeptanz und einem besseren Leben auch in Deutschland nicht verwirklicht.


Fortsetzung: Deutsche im heutigen Russland