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Über die Geschichte der Deutschen in Russland (V)

Teil I, II, III, IV, V, VI, VII

Die Republik der Wolga-Deutschen: ein kurzes Aufatmen vor dem Chaos

In den Jahren des russischen Bürgerkriegs 1918-1921 sind die Kolonisten stark von Überfällen, Hungersnot und Missernten betroffen. Viele werden wie schon 150 Jahren zuvor erneut an den Rand ihrer Existenz gebracht.

Daher ist die Umwandlung der 1918 gegründeten deutschen Arbeitskommune an der Wolga zur „Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ 1924 fast schon ein Neuanfang der Deutschen-Geschichte in Russland.

Die Kolonisten, von nun an „Wolga-Deutsche“ genannt, dürfen Deutsch als Amts- und Unterrichtssprache einführen. Das deutsche Bildungssystem mit seinen Grund- und Mittelschulen wird nahezu eins zu eins übernommen. Andere deutsche Kolonien – verwaltungsrussisch „Rayons“ - folgen dem Beispiel der Wolga-Autonomie.

Außer diesen kulturellen Privilegien bleibt der Republik allerdings wenig Autonomie im zentralisierten Sowjetstaat. Die Landwirtschaft fällt der Kollektivierung zum Opfer: ab 1929 dürfen die deutschen Bauern ihre Ländereien und Vieh nur innerhalb von Kolchosen bewirtschaften. Gleichzeitig wird der staatliche Atheismus ausgerufen, der viele deutsche Religionsgemeinschaften ausmerzt.

Alle Deutsche unter Observierung

Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 nimmt die Skepsis gegenüber Russlanddeutschen erneut zu. 1937, bereits zu Beginn der stalinistischen Säuberungen, verabschiedet Jeschow, Chef des Inlandsgeheimdienstes NKWD, den „Befehl Nr. 00439“.

Fortan werden demnach alle deutschstämmigen Sowjetbürger auf Listen erfasst und registriert. Jene, die in Rüstungs- und Eisenbahnbetrieben arbeiteten, werden UdSSR-weit innerhalb von fünf Tagen verhaftet.

In den deutschen Rayons sprach man von willkürlichen Verhaftungen durch den NKWD, der viele Deutsche der Spionage und anderer staatsfeindlicher Delikte bezichtigte.

Deportation ab 1941

Zwei Monate nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion ordnet das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Erlass "Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolgrayons wohnen" an.

Der Erlass besagte folgendes (Originaltext): „Laut genauer Angaben, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Wolgarayons wohnenden deutschen Bevölkerung Tausende und abertausende Spione, die nach einem aus Deutschland erhaltenen Signal Explosionen in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons hervorrufen sollen. Über das Vorhandensein einer solch großen Anzahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat keiner der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen, die Sowjetbehörden in Kenntnis gesetzt, folglich verheimlicht die deutsche Bevölkerung der Wolgarayons die Anwesenheit von Feinden des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht in ihrer Mitte.“

Es wird angeordnet, die Republik sofort aufzulösen, die Wolgadeutschen nach Nordkasachstan und Westsibirien „umzusiedeln“. In unmenschlichen Verhältnissen werden sie in Güterwagen und Seefrachtern nach Osten deportiert. Deutschstämmige Einwohner Moskaus und St. Petersburgs folgen ihnen. Insgesamt werden von den ca. 1,4 Mio. Russlanddeutschen über eine Million Menschen deportiert. Gleichzeitig wurden ihre staatsbürgerlichen Rechte aberkannt.

Alle Deportierten leben in Sondersiedlungen, die unter Aufsicht des NKWD stehen. Die „Umsiedlung“ sieht vor, die arbeitsfähige männliche Bevölkerung in sog. „Arbeitsarmeen“ (Trud-Armija) zu vereinen.


Fortsetzung: Deutsche Insel des Archipel Gulag